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Alexis de Tocqueville und Donatien Alphonse Francois de Sade

 

 

Was ist Glück und wie wird man glücklich? Alexis de Tocqueville und Donatien Alphonse Francois de Sade gaben auf diese Frage völlig konträre Antworten. Für Tocqueville ist ein glückliches Leben nur denkbar in einer staatlichen Gemeinschaft und zwar mit einer demokratischen Verfassung! Für Sade dagegen schließen sich staatliches Leben und individuelles Glück aus. Glück, und für Sade bedeutet das vor allem die Befriedigung der individuellen Triebe, ist daher nur unter der Bedingung von Anarchie möglich. Erst wenn jedes Strafgesetz aufgehoben und kein Verbrechen mehr sanktioniert wird, könne der Mensch seine Triebe befriedigend ausleben. Da wir in einer Welt leben, in der es Gesetze gibt, sind es nur die Mächtigen und jene, die aufgrund ihrer Stellung nicht belangbar sind, die eine konkrete Chance haben, glücklich zu sein. Während Tocqueville an die Menschlichkeit des Menschen glaubt, geht Sade davon aus, daß in dieser Welt vorzugsweise das Böse triumphiert und nur der Dumme eine vielleicht kriminelle Chance nicht ergreift, wenn er straffrei dabei bleiben kann.

 

Schon seine Zeitgenossen waren entsetzt über solche Überlegungen und die pornographischen Schilderungen seiner Romane. Und dieses Entsetzen hält bis heute an: Ein zeitgenössischer Autor nennt Sade den “Bluthusten der europäischen Kultur”. (Jules Janin, Der Marquis von Sade und andere Anschuldigungen, Augsburg: belleville 1986, 5) Bei Sade allerdings wird oft vergessen, daß er Schriftsteller ist und keineswegs mit allem, was er beschreibt, sich identifizieren muß. Sade war nicht zuletzt ein Chronist seiner Zeit - insbesondere der vorrevolutionären Zeit in Frankreich.

 

Der Ausdruck “Sadismus” hat Richard von Krafft-Ebing, ein deutscher Psychiater, in seiner “Psychopathia sexualis” 1886 geprägt. Fraglich ist, ob der Marquis de Sade nun wirklich der geeignete Namensgeber war, hätten nicht vielleicht ein Nero oder ein Caligula, die in der Sache keine Theoretiker waren, besser gepaßt? Ein kriegsbesessener Monarch wie der Preußenkönig Friedrich II. verdient es viel eher als der Romanautor und Stückeschreiber Sade ein “Sadist” genannt zu werden. (Vgl. Ursula Pia Jauch, Hg., Sade. Stationen einer Rezeption, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2014, 449)

 

Was Sade lesenswert und philosophisch interessant macht, das liegt daran, daß seine Texte als fortwährende Provokation über die Abgründe des Menschen und seine Existenz anregen nachzudenken. Die Lektüre Sades macht vor allem klar, daß die menschliche Sexualität keineswegs eine immer harmlose Sache ist, sondern zu Raserei und Verbrechen führen kann. Das ist nun nicht neu, aber den Aufwand, mit dem Sade dies offenbar werden läßt, ist schon einzigartig.

 

Alexis de Tocqueville ist der Verfasser eines Buches, das durchaus als Bibel der Demokratie bezeichnet werden darf. Tocqueville verfaßte die profundeste Wesensanalyse der modernen Demokratie. Es gibt kein anderes Werk der politischen Philosophie, was so lehrreich und bis heute lesenswert über die Demokratie, ihre Vorzüge und ihre Gefahren informiert, wie Tocquevilles Werk “Die Demokratie in Amerika” von 1835. Der Entstehung nach ist es eine Art Reisebericht, dem Inhalt nach ist es ein Manifest der Demokratie, das das amerikanische Muster zum französischen bzw. europäischen Zukunftsmodell erhebt. Tocqueville hat die Demokratie in den USA kritisch studiert und hat auch die Nachteile, die ihm auffielen, namhaft gemacht, sein Stichwort von der “Tyrannei der Mehrheit” ist bis heute eine einschlägig gängige Bezeichnung geblieben.

 

Tocqueville und Sade, zwei charakterlich und in ihren theoretischen Vorstellungen gegensätzliche Typen, teilen dennoch einige Gemeinsamkeiten. Beide erbten als Mitglieder des Hochadels von ihren Vätern den Grafentitel und beide legten wenig Wert darauf; Sade führte den Titel so selten, daß er als Marquis in die Geschichte einging. Beide beurteilten den Adel kritisch und neigten dazu, ihren Stand eher zu verurteilen als zu preisen. Beide waren zeitweise als Richter tätig; daß Tocqueville auf solchem Posten keinen Grund zu klagen gab, verwundert nicht, daß Sade als Richter sich durchaus lobenswert verhielt, erstaunt dagegen sehr. Beide unterhielten besondere Beziehungen zu den französischen Gefängnissen, Tocqueville als Reformer, Sade als Häftling, der in einer ganzen Reihe von französischen Haftanstalten einsaß und insgesamt 27 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte. Schließlich verstanden sich beide als Zukunftsdeuter, Tocqueville als politischer Prophet, Sade als Prophet des Bösen.

 

Es verwundert auch, daß Sade lebenslang ein vehementer Gegner der Todesstrafe war. Es irritiert weiterhin, daß so ein Mensch wie Sade ein großer Liebhaber des Theaters war, der selbst Theaterstücke schrieb, der in seiner Heimatstadt Lacoste ein Theater erbauen ließ und der in der Irrenanstalt von Charenton mit geistig Behinderten Theaterstücke inszenierte, zum Gaudi eines sensationsgierigen Pariser Publikums, das vor allem den verrufenen Sade erleben wollte.